Literaturtage

        Im Weinwerk

 

Literaturtage im Weinwerk in Neusiedl/See

Lesungen, Gespräche und Musik

18. – 20. September 2020

GAV Burgenland


Im 3. Jahr der Literaturtage öffnete das Weinwerk seine Bühne für Gäste von hier und anderswo: es waren Pendler, Zuagraste, Reisende, Aus- und Einwanderer, Geflüchtete, die in vielstimmigen Lesungen, Gesprächen und Musikperformances ihre Geschichten erzählten und über brennende Fragen unserer globalen Gesellschaft diskutierten. Das Naturschutzgebiet rund um den Neusiedlersee bot Gästen von nah und fern immer schon Erholung, es dient jeden Sommer als Station für zahlreiche Zugvogelarten. Durch Covid19 wurde unsere Mobilität in Frage gestellt, Grenzen wurden geschlossen und wieder geöffnet, unsere Bewegungsfreiheit blieb eingeschränkt. In den Beiträgen wurde Migration eindrucksvoll und in unterschiedlichen Formen als eines der wichtigsten Themen unserer Zeit dargestellt. Mit Flüchtenden aus Ungarn und der Slowakei hat das Burgenland seit langem Erfahrungen, zudem gab es Anfang des 20. Jahrhunderts zwei große Auswanderwellen von Burgenländer*innen nach Amerika; vor fünf Jahren kamen Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in Nickelsdorf über die Grenze und stellten die Region vor neue Herausforderungen.



RÜCKBLICK PROGRAMM 2020


FREITAG, 18. 9. 2020, 18 Uhr - Eröffnung und Begrüßung

„Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch“, schrieb Ilija Trojanow in seinem Buch „Nach der Flucht“ - die Mehrheit der Autor*innen der diesjährigen Literaturtage im Weinwerk gehörte dieser Kategorie an. In ihrer key-story „Zugvögel sind wir“ bezog sich die Gastgeberin Karin IVANCSICS auf das Naturschutzgebiet des Neusiedler Sees, in poetischen Bildern und beklemmenden Visionen erzählte sie von der Lust am Reisen und dem Müssen von Flucht, reflektierte über Klimawandel und dessen Auswirkungen auf den Tourismus. Als 2015 Tausende Menschen über die Grenze bei Nickelsdorf kamen, stellten sie die Region vor neue Herausforderungen: Aus dem Kreis der „Vielstimmigen“, einem Zeitschriftenprojekt, das letztes Jahr unter der Patronanz des Vereins „Region Neusiedlersee hilft“ präsentiert wurde, lasen zwei Geflüchtete: Jamila KADERPUR aus Afghanistan und Haider ALANBARE aus dem Irak. Hammed ABBOUD floh Ende 2012 aufgrund des Krieges aus Syrien. Nach einer zweijährigen Odyssee landete er 2014 in Österreich, wo er zunächst in Oberschützen im Burgenland lebte. Er las aus „In meinem Bart versteckte Geschichten“ (Edition Korrespondenzen 2020). Jörg ZEMMLER aus Südtirol verstand es, Gedichte wie einen Papierflieger zu bauen und über eine weiße Fläche zu jagen, („papierflieger luft“ und „Seiltänzer und Zaungäste“, beide Klever Verlag). Sanja ABRAMOVIC, geboren in Karlovac, Kroatien, lebt seit 1991 in Österreich - die Bruchstellen in ihrer Biographie führten bereits in jungen Jahren zu einer Auseinandersetzung mit Erinnerungen, der Frage nach Heimat und Heimatlosigkeit. Sie las die Erzählung „Ein besonderer Mensch“. Eine längere Reise, nämlich von Paris ins nördliche Burgenland, hatte auch Paul Beauduc hinter sich, der in den 1970ern als Französisch-Assistent am Gymnasium Neusiedl am See beschäftigt war. Dass er dort nicht nur wohlmeinend willkommen geheißen wurde und was das mit der RAF zu tun hatte, davon handelte die Erzählung „Dellwo" von Jakob Michael PERSCHY. Den musikalischen Rahmen gestaltete Flora GEISSELBRECHT, sie bezauberte mit Eigenkompositionen, Gesang und Bratsche.


SAMSTAG, 19. 9. 2020

Patrick ADDAI eröffnete das Samstag-Nachmittagsprogramm für Kinder - er wurde in Ghana geboren und lebt heute in Linz. Im Weinwerk las er aus „Die Großmutter übernimmt das Fernsehen“, „Soll ich einen Elefanten heiraten, fragte der Frosch“ und „Sprich endlich mit mir, Esel“ (alle Verlag Adinkra) und brachte mit seiner Trommel die Kinder und Erwachsenen zum Mitklatschen und Mittanzen!

Danach startete RADIO ROSA/„Von woanders“ einen „Road-Trip“, zusammengeschnitten aus mosaikhaften Sequenzen, Sounds und O-Tönen: Karin IVANCSICS, jopa JOTAKIN, Cornelia TRAVNICEK und Jörg ZEMMLER berichteten im Textmix-Lab Vol 13 (Konzeption: Patricia Brooks) über fremde Länder und Sprachen, sie verorteten sich u. a. im Alltagsgemurmel und im Abendrot des Indischen Ozeans, in einer chinesischen Stadt, in den Südtiroler Bergen und am Meer in Kalabrien ...

Petra PIUKs und Cornelia TRAVNICEKs (Lese-)Reisen führten sie bereits in zahlreiche ferne Länder. In ihren bisherigen Büchern befassten sie sich auch mit Heimat - u. a. „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ (P. P., Kremayr & Scheriau 2016), in ihren aktuellen ging es um die Glückspielmetropole Las Vegas (Piuk: „Wenn Rot kommt“, K & S 2020) und um Menschenhandel („Feenstaub“, Picus 2020): in kurzen, intensiven Szenen präsentierte Travnicek die Geschichte dreier junger Taschendiebe wider Willen - Moderation: Katharina TIWALD.

Emmerich KOLLER und Clemens BERGER verbindet eine Freundschaft, die sowohl das Erscheinen von Kollers autobiografischem Buch „Über die Grenzen – Lebensreise eines deutsch-westungarischen Emigranten“ im burgenländischen Verlag lex liszt 12 förderte wie auch Parallelen in der Thematik ihrer Arbeiten aufweist: Clemens Berger erzählt in „Der Präsident“ (Residenz, 2020) ebenfalls die Geschichte eines Burgenland-Auswanderers in die USA - der zum Double Ronald Reagans wurde! Da Emmerich Koller nicht aus den USA einreisen konnte, las Clemens Berger Passagen aus dessen Buch; Christa NEBENFÜHR gestaltete das Gespräch.

Mila HAUGOVA wurde in Ungarn geboren und übersiedelte in die Tschechoslowakei, heute lebt sie in Levice und Bratislava; sie las aus „Langsame Bogenschützin/Pomalá lukostrelkyňa“, übersetzt von Slávka Rude-Porubská (danube books Verlag, Ulm 2017) und wurde dabei von Ferry JANOSKA auf dem Bandoneon begleitet – er floh als Jugendlicher aus der Tschechoslowakei nach Österreich und startete vom Burgenland aus eine große Karriere als Musiker, Komponist und Arrangeur. Moderation und Lesung der deutschen Übersetzungen: Karin IVANCSICS.


SONNTAG, 20. 9. 2020, Matinée

Vor 27 Jahren musste die Autorin Ishraga M. HAMID aus dem Sudan ins Exil; in Wien konnte sie neue Wurzeln schlagen und setzte sich seither u. a. mit dem Heimatbegriff, Diskriminierung, Frauenbewegung, Schwarzer Migrant*innenforschung etc. auseinander Sie las aus ihrem Gedichtband „Gesichter der Donau“ (Löcker Verlag). Moderation: Christa NEBENFÜHR.

Ilija TROJANOW floh kurz vor seiner Einschulung mit seiner Familie aus Bulgarien – zu seinen Stationen gehörten Jugoslawien, Italien, Deutschland, später Kenia, Paris, Afrika, Indien ... Er las aus seinem Buch „Nach der Flucht“ (S. Fischer 2017), in dem er poetisch und reflektierend von seinen eigenen Prägungen als lebenslang Geflüchteter erzählt, und aus seinem kürzlich neu erschienen Roman „Doppelte Spur“ (S. Fischer). Moderation: Christa EDER. Musikalische Interventionen: Jiri KOUDELKA, Gitarre



Der Wettergott war uns zum Glück gnädig gestimmt und der Coronadämon erfolgreich ferngehalten, so konnte sich das Publikum im Saal sicher und draußen im Hof und Schanigarten wohl fühlen. Großer Dank an alle Autor*innen und Musiker*innen für ihre brillanten Beiträge und Dank an das Bundeskanzleramt/Kunstsektion, die Grazer Autorinnen Autorenversammlung, das Land Burgenland/Kulturabteilung, Literar mechana, Podium und Region Neusiedlersee hilft, durch deren freundliche Unterstützung und Kooperation dieses wunderbare und gehaltvolle dreitägige Fest der Literatur - in dieser Form heuer übrigens das einzige in ganz Burgenland! -  im stimmungsvollen Ambiente des Weinwerk ermöglicht wurde.

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