Literaturtage

        Im Weinwerk

 

FREITAG, 18. 9. 2020, 18 Uhr


Eröffnung und Begrüßung


„Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch“, schreibt Ilija Trojanow in seinem Buch „Nach der Flucht“. Die Mehrheit der Autor*innen der diesjährigen Literaturtage im Weinwerk gehören dieser Kategorie an, die anderen Gäste sind Pendler, Reisende, Ein- und Auswanderer.

In ihrer key-story „Zugvögel sind wir“ bezieht sich die Gastgeberin Karin IVANCSICS auf das Naturschutzgebiet des Neusiedler Sees, in poetischen Bildern und beklemmenden Visionen erzählt sie von der Lust am Reisen und dem Müssen von Flucht, reflektiert über Klimawandel und dessen Auswirkungen auf den Tourismus. Als 2015 Tausende Menschen über die Grenze bei Nickelsdorf kamen, stellten sie die Region vor neue Herausforderungen: Aus dem Kreis der „Vielstimmigen“, einem Zeitschriftprojekt, das letztes Jahr unter der Patronanz des Vereins „Region Neusiedlersee hilft“ präsentiert wurde, lesen zwei Geflüchtete: Jamila KADERPURE aus Afghanistan und Haider ALANBARE aus dem Irak (wir freuen uns über die Anerkennung des Bleiberechts im August 2020!). Hammed ABBOUD floh Ende 2012 aufgrund des Krieges aus Syrien. Nach einer zweijährigen Odyssee landete er 2014 in Österreich, wo er zunächst in Oberschützen im Burgenland lebte. Er liest aus „In meinem Bart versteckte Geschichten“ (Edition Korrespondenzen 2019). 

Musik: Flora GEISSELBRECHT, Bratsche


Jörg ZEMMLER kommt aus Südtirol und versteht es Gedichte wie einen Papierflieger zu bauen und über eine weiße Fläche zu jagen, („papierflieger luft“, Klever Verlag). Sanja ABRAMOVIC, geboren in Karlovac, Kroatien, lebt seit 1991 in Österreich - die Bruchstellen in ihrer Biographie führten bereits in jungen Jahren zu einer Auseinandersetzung mit Erinnerungen, der Frage nach Heimat und Heimatlosigkeit („Ein besonderer Mensch“, unveröffentlicht). Eine längere Reise, nämlich von Paris ins nördliche Burgenland, hat auch Paul Beauduc hinter sich, der in den 1970ern als Französisch-Assistent am Gymnasium Neusiedl am See beschäftigt ist. Dass er dort nicht nur wohlmeinend willkommen geheißen wird und was das mit der RAF zu tun hat, davon handelt die Erzählung „Dellwo" von Jakob Michael PERSCHY.


SAMSTAG, 19. 9. 2020


(14:00 UHR) Patrick ADDAI wurde in Ghana geboren und lebt heute in Linz. Im Weinwerk liest er  aus „Die Großmutter übernimmt das Fernsehen“, „Soll ich einen Elefanten heiraten, fragte der Frosch“ und „Sprich endlich mit mir, Esel“ (alle Verlag Adinkra) und bringt auch seine Trommel mit: Mitklatschen sowie freie SPENDE (durch Eltern) erwünscht! - Kinder, Jugendliche und Asylwerber*innen haben FREIEN EINTRITT!

 

(15:30) RADIO ROSA/„Von woanders“ ist ein Road-Trip, zusammengeschnitten in mosaikhaften Sequenzen, Sounds und O-Tönen: Karin IVANCSICS, Jopa JOTAKIN, Cornelia TRAVNICEK und Jörg ZEMMLER berichten im Textmix-Lab Vol 13 (Konzeption: Patricia Brooks) über fremde Länder und Sprachen, sie verorten sich u. a. im Alltagsgemurmel und im Abendrot des Indischen Ozeans, in einer chinesischen Stadt, in den Südtiroler Bergen und am Meer in Kalabrien ...


(16:30) Petra PIUKs und Cornelia TRAVNICEKs (Lese-)reisen führten sie bereits in zahlreiche ferne Länder. In ihren Büchern haben sie sich auch mit Heimat befasst - u. a. „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ (P. P., Kremayr & Scheriau 2016), in ihren aktuellen Romanen geht es um die Glückspielmetropole Las Vegas (Piuk: „Wenn Rot kommt“, K & S 2020) und um Menschenhandel („Feenstaub“, Picus 2020): in kurzen, intensiven Szenen erzählt Travnicek darin die Geschichte dreier junger Taschendiebe wider Willen. Moderation: Katharina TIWALD


(18:00 Uhr) Emmerich KOLLER und Clemens BERGER verbindet eine Freundschaft, die sowohl das Erscheinen von Kollers autobiografischem Buch „Über die Grenzen – Lebensreise eines deutsch-westungarischen Emigranten“ im burgenländischen Verlag lex liszt 12 förderte wie Parallelen in der Thematik ihrer Arbeiten aufweist: Clemens Berger erzählt in „Der Präsident“ (Residenz, 2020) ebenfalls die Geschichte eines Burgenland-Auswanderers in die USA - der zum Double Ronald Reagans wurde! Moderation: Christa NEBENFÜHR


(19:30) Mila HAUGOVA wurde in Ungarn geboren und übersiedelte in die Tschechoslowakei, heute lebt sie in Levice und Bratislava; sie liest aus „Schlaflied wilder Tiere“ (Edition Korrespondenzen) und „Langsame Bogenschützin/Pomalá lukostrelkyňa“, übersetzt von Slávka Rude-Porubská (danube books Verlag, Ulm 2017) und wird dabei von Ferry JANOSCHKA auf dem Bandoneon begleitet, der als Jugendlicher aus der Tschechoslowakei nach Österreich floh und vom Burgenland aus eine großartige Karriere als Musiker, Komponist und Arrangeur startete. Moderation und Lesung der deutschen Übersetzungen: Karin IVANCSICS


SONNTAG, 20. 9. 2020, Matinée 11 Uhr


Vor 27 Jahren musste die Autorin Ishraga M. HAMID aus dem Sudan ins Exil; in Wien konnte sie neue Wurzeln schlagen und setzte sich u. a. mit dem Heimatbegriff, Diskriminierung, Frauenbewegung, Schwarzer Migrant*innenforschung etc. auseinander Sie liest aus ihrem Gedichtband „Gesichter der Donau“ (Löcker Verlag). Moderation: Christa NEBENFÜHR


Ilija TROJANOW floh kurz vor seiner Einschulung mit seiner Familie aus Bulgarien – zu seinen Stationen gehörten Jugoslawien, Italien, Deutschland, später Kenia, Paris, Afrika, Indien ... Er liest aus seinem Buch „Nach der Flucht“ (S. Fischer 2017), in dem er poetisch und reflektierend von seinen eigenen Prägungen als lebenslang Geflüchteter erzählt, und aus seinem kürzlich neu erschienen Roman „Doppelte Spur“ (S. Fischer). Moderation: Christa EDER


Musikalische Umrahmung: Jiri KOUDELKA, Gitarre

Programm 2020